12.10.2017 15:54 |

Buchmessen-Krimi, Teil 3: Krögers Rennen gegen die Zeit

Vergessen Sie Dan Brown & Co.: Die FNP-Redaktion hat einen Krimi geschrieben. Unser verwirrter Protagonist erlebt ein haarsträubendes Abenteuer im Buchmessen-Frankfurt - original mit knallharten Unterwelt-Gestalten, einer geheimnisvollen Schönen und, natürlich, jeder Menge absurder Wendungen.

Kapitel 11


Malte riss die Beifahrertür auf und ließ sich auf den Sitz fallen: „Das wäre fast in die Hose gegangen.“ Schneider schaute ihn fragend an.  Malte war außer Puste und rieb sich die Augen. Er schüttelte den Kopf und knallte die Tür zu: „Scheiß Plan, habe ich doch die ganze Zeit gesagt.“ „Hör‘ auf zu heulen. Was war los? Warum bist Du schon zurück?“ „Weil der Typ in seinem Zimmer war. Er war hellwach! Jetzt kennt er mein Gesicht, Mann!“ Schneider trommelte mit seinen Speckfingern auf dem  Lenkrad herum und behielt Malte prüfend im Blick.

Der dünne Kerl war neu in seiner Truppe, nicht so ein Schläger. Deswegen machten sich die Jungs über das Hemd ständig lustig. Schneider verstand nicht mal die Hälfte, wenn Malte von diesem Kryptographiezeug redete. Datenanalyse, Scoring, Algorithmenqualität, Sicherheitslücken. Aber der Junge war ein Zauberer. Er machte aus Daten Gold. „Dann muss etwas schief gegangen sein“, sagte Schneider, „hast Du Hannah gesehen?“ „Nein, aber ich konnte auch nicht wirklich ins Zimmer schauen. Ich habe Stuss geredet und mich als Journalist ausgegeben. Das hat er definitiv gemerkt.“ Schneider blieb ruhig: „Wir haben also weder den Stick,  noch wissen wir, ob in seinen Daten was zu holen war.“ „Ja, egal wer den Stick jetzt hat, er kann mit meinem Code jeden Algorithmus knacken. Das ist ein Generalschlüssel! Und die Zeit rennt uns davon.“ 

Schneider hob die Hand und unterbrach Malte. Er deutete auf den Hoteleingang. Vor der Schiebetür stand Kröger. Das Hemd nur halb zugeknöpft, die Haare wirr. Kröger kniff die Augen zusammen und schien mit sich selbst zu reden, während er erst ein paar Schritte Richtung Festhalle ging, dann aber wieder umkehrte und vor dem Hoteleingang stehen blieb. Er tastete sein Sakko ab und holte umständlich ein Telefon heraus. Schneiders Handy vibrierte.

Lutz Bernhardt
 

Kapitel 12

Gleichzeitig mit dem Vibrieren erfüllte die Stimme von „AC/DC“-Leadsänger Brian Johnson den Wagen. „Highway to hell, I’m on a highway to hell…“ Schneider hatte vergessen, den Klingelton zu unterdrücken. Mal wieder. Das hatte ihm schon so manches gute Geschäft versaut. „Scheißtechnik“, brüllte der massige Zweimetermann und versuchte,  das Handy aus der Brusttasche seines Hawaii-hemdes zu fischen. „Highway to hell, I’m on a highway to hell…“ Die Musik wollte kein Ende nehmen.

Malte ließ Kröger nicht aus den Augen. Dieser hatte den kleinen roten Flitzer, der rechts von ihm zwischen den Taxis stand, noch nicht wahrgenommen. „Highway to hell, I’m on a highway to hell…“ „Stell endlich das Ding aus!“ Malte fluchte. Schneider fingerte immer noch an seinem Smart­phone herum. Malte wusste, lange würde es nicht mehr dauern, bis Kröger sie bemerken würde. Noch stand er vor dem Hoteleingang, sein Handy am Ohr.  „Highway to hell, I’m on“ – Abrupt endete Brian Johnson. Stille. Malte konnte riechen, wie Schneider schwitzte. Die Schweißtropfen bildeten kleine Bäche, die dem Dicken die Schläfen hinabflossen.

Doch das ging Malte gerade am Allerwertesten vorbei. Er hatte nur Augen für Kröger. Als Schneider noch mit seinen Speck­fingern auf dem Smartphone herumwischte, passierte es. Kröger hielt sein Handy vom Ohr weg und sah sich  suchend um. Brian Johnson, „Highway to hell“. Keiner hatte das damals so gut gecovert wie die „Ebbelwei-Heroes“. Wo kam die Musik her? Aus der Festhalle? Wohl kaum. Dort sollten am Abend die Kastelruther Spatzen spielen. Die ersten Fans, Frauen in Dirndln, Männer in Lederhosen, campierten schon vor der Halle, um die  besten Plätze vor der Bühne ergattern zu können. War das noch der Alkohol? Das Zeug aus der Ampulle? Kröger dreht sich langsam nach rechts.

Kerstin Schellhaas

Kapitel 13

Plötzlich durchzuckt es ihn. Das rote Auto. Das kennt er doch. Kröger schaut noch mal genau hin. Sitzt da Viktor Schneider im Auto? Tatsächlich. Was will der hier? Ein Zufall? Und wer ist der Kerl  neben ihm? Das ist doch … ja, der angebliche Journalist. Der von vorhin an der Hoteltür. Schlagartig ist Kröger voll da. Er fühlt Wut in sich aufsteigen. Was passiert hier eigentlich? Was macht  Schneider hier? Und warum geht der Fettsack nicht an sein Handy? Energisch setzt sich Kröger in Bewegung, in Richtung roter Flitzer. Er will Aufklärung, sofort.

An Hannah, an den verschwundenen  Laptop und den USB-Stick denkt er gerade nicht mehr. Nur: Was will Schneider? Und warum startet er jetzt den Wagen und rauscht davon? Hat er ihn nicht gesehen? Aber dieser dünne Kerl, der muss ihn erkannt haben. Der fixiert ihn doch die ganze Zeit. Noch immer. Warum geht Schneider noch immer nicht ans Telefon? Dann sieht er den roten Flitzer nicht mehr. Er ist im dichten Verkehr verschwunden. Verdammt, was mache ich, denkt Kröger.  Erst mal einen Kaffee trinken. Das geht immer. Und sein Lieblingscafé in Frankfurt, dieses herrlich altmodische Laumer, ist nicht weit. Kröger ruft eins der vor dem Hotel wartenden Taxis herbei. „Zum Laumer, bitte“. 



Nachdem er die 7,40 Euro großzügig auf 10 Euro aufgerundet hat, geht er die Treppe hinauf und weiter in den hinteren Teil, wo diese Zweiersitze sind, in denen er schon als Jugendlicher geknutscht hat. Nicht zu fassen, wer am Nebentisch sitzt: Der Schneider von der CSU mit einem FDP-Menschen – wie heißt der noch gleich? – Und mit der Eskandari von den Grünen? Mittendrin Bernd R., der alte Strippenzieher. Jamaika in Frankfurt? Nicht zu fassen. Kröger  ist neugierig, lauscht und hört Satzfetzen, über einen verschwundenen USB-Stick, der enorm wichtig sein soll, einen Laptop … Wissen die was? Kröger wird es heiß und kalt.

Joachim Braun

 

Kapitel 14

Unauffällig rückt er näher, schnappt noch mehr auf. „Kollaps“ und „Rechenzentren“ und „Macron“. Kröger atmet scharf ein. Dann sieht er sie. Er springt auf, wirft einen Fünfer auf den Tisch und hastet Richtung Ausgang. „Feldmann darf nichts davon erfahren“, hört er noch, aber das ist jetzt zweitrangig. Draußen blickt er sich suchend um. Sie läuft Richtung Alte Oper. Noch hat Hannah ihn nicht bemerkt. Sie verschwindet in die Feuerbachstraße. „Mist“ , denkt er und läuft schneller. Er darf sie nicht verlieren.

Gerade als er um die Ecke biegt, sieht er ihren blonden Haarschopf in einem Hauseingang verschwinden. „Brünett hat sie mir besser gefallen“, denkt er. Vorsichtig huscht er zum Haus mit der Nummer 23. Eine klassizistische Villa, weiß, mit dunkelgrünen Fensterläden. Die Tür ist verschlossen. Kröger überlegt fieberhaft. Dann fällt sein Blick auf das geöffnete Kellerfenster. Er zögert nicht lange. Die Füße zuerst zwängt er sich durch die kleine Öffnung „Verdammt“, flucht er. Blut rinnt seinen Arm hinab. Den rostigen Nagel, der aus der Wand ragt, hat er übersehen. Eine tiefe Wunde klafft an seinem Arm, kurz unterhalb des Handgelenks. Er grabscht ein schmutziges Leinenhandtuch, das an einem Haken an der Wand hängt, reißt mit den Zähnen einen Streifen ab und wickelt ihn um seinen Arm. Dann macht er sich auf den Weg nach oben.

Auf Zehenspitzen schleicht er die Treppe hinauf. „Was hast du dir dabei nur gedacht?“, hört er Hannah fauchen. „Uns läuft die Zeit davon. Wenn wir die Daten nicht in einer halben Stunde hochgeladen haben, sind wir geliefert.“ – „Das weiß ich doch auch“, zischt eine zweite Frauenstimme. Schritt für Schritt tastet sich Kröger durch den Flur in Richtung der Stimmen. Unter seinem Gewicht knarzt eine Diele. Er riecht ihn, bevor er sich umgedreht hat: Schneider, der fette Schneider…

Stefanie Liedtke

Kapitel 15

Kröger weiß, dass ihm nur Bruchteile von Sekunden bleiben. Sein Blick fällt auf die chinesische Vase auf der Flurkommode. Die könnte schwer genug sein.

Entschlossen greift er nach ihr, dreht sich um – und hört, wie der massige Körper hinfällt. Mit dem Gesicht nach vorn kippt Schneider auf die Holzdielen. Wie ein gefällter Baum mit Hawaiihemd. „Das war ja einfacher als gedacht“, freut sich Kröger kurz, merkt dann aber, dass er den Aufprall der Vase auf Schneiders Kopf gar nicht gespürt hat. Wie kann das sein? Erst danach sieht er den jungen Mann mit Baseball-Schläger, der aus dem Halbschatten tritt. „Du weißt inzwischen, dass ich kein Journalist bin, oder?“, sagt der Dünne mit einer fast  unheimlichen Ruhe. Kröger ist verwirrt. Arbeitet der gar nicht mit Schneider zusammen? Wieder hat er ein eigenartiges Gefühl, als er den jungen Mann anblickt. Wirklich genauso sah er damals aus, nur nicht so hager. Seltsam. „Ich bin Malte und auch nicht begeistert, dass ich Dir ähnlich sehe, Papa.“

Der Dünne klingt spöttisch. Papa? Kröger werden die Knie weich, er muss sich auf der Kommode abstützen, kann gerade noch die Vase abstellen. Er hat keine Kinder, nie welche gewollt, nur seine Freiheit. Aber sicher sein kann er sich natürlich nicht, wenn er sich kaum an alle Frauen erinnert. Und Apfelwein ist wohl kein Verhütungsmittel. „Bist Du wirklich …?“ Malte lässt ihn nicht ausreden. „Keine Zeit für Sentimentalitäten,“  zischt er. „Mama wird gleich merken, dass sie den falschen Stick hat, da sind nur die Hits der ‚Ebbelwoi-Heroes‘ drauf.“  Ein warmes Gefühl überflutet Kröger. Er braucht keinen DNA-Test, um zu glauben: Das ist sein Sohn, und er wird ihn retten. Da hört er Maltes kalte Stimme: „Ich habe alles eingefädelt, du Versager. Der Buchmessen-Plan stammt von mir. Und wenn Du hier lebend rauskommen willst, wirst Du tun, was ich Dir sage.“

Pia Rolfs


Den nächsten Teil lesen Sie ab Samstag, 14. Oktober, auf fnp.de
 

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