25.02.2016 03:00 |

Gesangverein Teutonia 1806: Singen nur noch in der Badewanne

Groß-Gerau Traurige Mienen gab’s am Dienstag im Dorfzentrum angesichts eines tapfer gefassten Entschlusses: Der Männerchor des Gesangvereins Teutonia 1806, des ältesten Gesangvereins Hessens, wurde aufgelöst. Die wackeren letzten Mannen sangen „Adé“.

Der letzte Ton ist gesungen: Der Männerchor der Teutonia hat sich aufgelöst.
Der letzte Ton ist gesungen: Der Männerchor der Teutonia hat sich aufgelöst. Bild: Charlotte Martin

„Kein Missverständnis, bitte. Nicht unser Verein löst sich auf, sondern der Männerchor“, stellte Ulrich Gerth (84) klar. Die anderen Männer winkten ab: „Schon klar, Uli, wissen wir doch...“

Es war ein trauriger Abend für die unermüdlichen Aktiven des Männerchors, als man sich im Dorfzentrum zur letzten Probe in der 210-jährigen Geschichte des Vereins traf. „Es muss Schluss sein, denn es kommen keine Jüngeren nach, und wir haben schon seit Monaten darüber gesprochen“, merkte Heinrich Diehl an, der 64 Jahre bei der Teutonia sang. Elf Männer standen ums Klavier herum, dessen Deckel Dirigent Rodrigo Affonso nach dem letzten Ton bewusst nicht zugeklappt hatte, um die Dramatik des Entschlusses nicht noch zu erhöhen.

Etwa ein Jahr lang war der gebürtige Brasilianer Leiter der sangesfreudigen Mannen (er übernahm im Januar 2015 von Stefan Konrad) und hatte bei ihnen auf Anhieb Sympathie geweckt. „Es liegt nicht an ihm, dass der Chor sich auflöst. In der Chorgeschichte gab es öfter Wechsel. Doch jetzt fehlen tragende Stimmen“, führte Dieter Graf aus, der seit 60 Jahren Sänger der Teutonia ist. „Ohne ersten Tenor und ersten Bass gibt’s keinen Chorklang. Das reicht nicht – und oft sind nur sechs, sieben Leute bei der Probe“, erinnerte er.

Die Gespräche nach der Auflösung des Männerchors im Beisein des stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Stefan Lotz waren lebhaft, während Imbiss und Wein aufgetischt wurden. Vieles, was gesagt wurde, mutete wie eine Verteidigungsrede an, als gelte es, den sich duckenden Schmerz ruhig zu halten. Reinhard Gerhard und Emil Konrad, beide ebenfalls seit 60 Jahren aktive Sänger, erinnerten daran, dass man 1980 noch 65 Männer im Chor gehabt habe.

 

Gemischter Chor

 

wird gegründet

 

„Jetzt sind wir nur noch Konkursmasse“, meinte Ulrich Gerth. Die Herren saßen still am Tisch, während Gerth erwähnte: „Mit 19 Jahren bin ich eingetreten, 65 Jahre gehöre ich zum deutschen Sängerbund. Jetzt wird nur noch in der Badewanne gesungen.“ Auf die Anmerkung, das werde den sangesfreudigen Herren doch bei Weitem nicht ausreichen, erinnerten Stefan Lotz und Pressewartin Lisa Raunheimer an den Wunsch, neben dem Frauenchor und dem jungen Chor „Harmonics“ nun einen gemischten Chor zu initiieren – ebenfalls dirigiert von Rodrigo Affonso, der Feuer und Flamme für die Idee sei.

„Das ist doch nichts für uns. Die Frauen wollen uns alte Knaben doch nicht haben“, meinte Dieter Graf. Doch Lisa Raunheimer erwiderte: „Blödsinn. Wir freuen uns auf Euch. Der Chor soll altersmäßig durchmischt sein und sowohl traditionelles Liedgut pflegen als auch Mut zum Neuen beweisen.“ Ulrich Gerth lenkte ein: „Vielleicht komm ich mal zum Schnuppern.“

Dass das Singen jung und geistig rege hält, wissen die gestandenen Sänger genau. Raunheimer und Lotz sowie der Vereinsvorsitzende und aktive Sänger der „Harmonics“, Björn Hack, hoffen, noch manchen des ehemaligen Männerchors zum Weitersingen bewegen zu können. Ulrich Gerth sagte: „In der Chronik steht geschrieben, dass es auch früher schlechte Jahre gab. Um 1900 sollen es nur noch vier Sänger gewesen sein, die sich in die Hand versprachen, nicht aufzuhören. Und siehe da – der Männerchor kam zu neuer Blüte.“ Eine Weile herrschte Stille, die Männer dachten an all die Teller, Pokale und Urkunden, die seit 1806 gesammelt wurden. Ulrich Gerth seufzte: „Mein Chor ist weg. Er fehlt mir schon.“

Erste Probe des neuen, gemischten Chors ist am 1. März, 20 Uhr im Dorfzentrum. Neulinge sind willkommen. cma

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