11.09.2017 03:00 |

Röhren, die es in sich haben: Vor der Documenta-Halle erzählt Hiwa K von der Sehnsucht nach einem Zuhause

Documenta-Endspurt: Nur noch bis zum 17. September kann man die Kunst-Weltschau in Kassel besuchen, die nur alle fünf Jahre stattfindet. Wir stellen ausgewählte künstlerischen Attraktionen vor.

Künstler Hiwa K bei Tag.
Künstler Hiwa K bei Tag. Bild: Boris Roessler (dpa)

Eines der fantasievollsten, sinnlichsten Werke dieser Documenta steht direkt vor der Documenta-Halle: vier Lagen mit je fünf gewaltigen gelben Abflussrohren übereinander. In jede hat Hiwa K, 1975 in der kurdisch-irakischen Stadt Sulaimaniyya geboren, eine Wohnwelt gesteckt.

Die eine sieht aus wie ein gefliestes Badezimmer, mit Zahnputzbechern, Waschbecken und Toilettenschüssel, eine andere ist ausstaffiert als Bücherhöhle mit Leseleuchten. Man kann von der „Wohnung“ sofort auf das Leben der in den Röhren Lebenden schließen: Da gibt es den Minimalisten, der gern japanisch kalligraphiert, den Kaktusliebhaber. Es gibt den Wohnungsvergitterer, den unordentlichen Chaoten, sowie, ganz oben in der Ecke, auch eine Kneipe, die „runde Spelunke“, die auf einer Tafel täglich um 18 Uhr 5 Bier für 10 DM verspricht. Das ist bunt, lustig und regt doch zum Nachdenken an.

Ernstes Augenzwinkern

Denn natürlich bringt Hiwa K hier zwei Dinge zusammen, die in Wahrheit nicht zusammengehören: Die letzte Zufluchtsstätte Abflussröhre und die nach persönlichen Bedürfnissen und Wohlfühl-Gesichtspunkten ausgestattete Wohnung haben nichts miteinander gemein. Es ist eine herrliche Diskrepanz, die hier sinnfällig wird. Natürlich macht sie aufmerksam auf Not und Heimatlosigkeit. Fragt, ob wir, die niemals so leben mussten, ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil es uns so viel besser geht. Ob wir abgeben sollten von unserer Individualität – denen, die nichts haben.

Nächtlicher Röhrenblick. Foto: Uwe Zucchi (dpa)
Nächtlicher Röhrenblick.

So spiegelt die Röhre als Behausung auch uns, die Nicht-Röhrenbewohner, mitsamt unserem merkwürdigen Hang, uns einzurichten, uns eine Heimat zu bauen, ein individuelles Reich, zu dem andere keinen Zutritt haben.

Draußen vor der Documenta-Halle die Flucht, drinnen die Flüchtigkeit: Was sich nicht festhalten lässt, soll hier seinen künstlerischen Platz haben: ein Archiv eines afrikanischen Musikers mit zahlreichen Plattenhüllen, Gitarre und diversen Devotionalien, aber auch andere Klänge und Geräusche: So kann man von hier der Live-Performance einer Künstlergruppe in Athen beiwohnen, die allerdings so nichtssagend ist, dass man gern darauf verzichten könnte: Leuten beim Rumstehen zuzusehen, und sei es in Griechenland, ist auch per Internet-Liveschalte keine Wonne.

Die Documenta-Halle versteht sich auch als „Listening Space“, der die soundbasierten Veranstaltungen aus der Kunstpartnerstadt Athen in Kassel hörbar macht. Neben afrikanischen und griechischen Klängen streckt die Halle ihre Ton- und Spektakeltentakel auch nach Kalifornien aus. Dort zelebrierte Anna Halprin gemeinsam mit ihrem Ehemann Lawrence ihr Leben in sehr hippiesker Weise als Tanz und Bewegung. In Ritualen versuchten sie und ihre Gefolgschaft, zu einem neuen Leben zu gelangen.

Einen Halt finden?

Die Flüchtigkeit des Leben, die Flüchtigkeit von Erinnerungen und ihre Kraft ebenso, zugleich die Suche nach Halt, Heimat und Identität, all dies ist das große Thema der Documenta-Halle. Hiwa K aber mit seinen 20 Abflusswohnungsröhren vor der Halle ist es, dem es gelingt, dieses Thema am sinnlichsten und zeitgenössischsten umzusetzen.

Was Hiwa K damit erzählen möchte, erschließt sich auch biographisch. Denn auf seiner Flucht musste sich der Künstler, der mittlerweile in Berlin lebt, oft verstecken – und tat das nicht selten in Abflussrohren.

Documenta

Bis 17. September. Vor der Documenta-Halle, am Friedrichsplatz

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